Stadtbibliothek Langenfeld: Am Puls der Zeit

, 22 Jun 2021

Wie haucht man einem schlummernden Juwel aus den 1980er Jahren neues Leben ein? In Langenfeld lag der Schlüssel zum Erfolg in einer umfassenden Beteiligung ihrer Bürgerinnen und Bürger. Im Laufe der letzten drei Jahre ist hier ein Lehrbuchbeispiel einer de-institutionalisierten Bibliothek entstanden, die ihren Gästen auf Augenhöhe und in neuem Licht begegnet.

30km nördlich von Köln liegt mit ihren knapp 60.000 Einwohner*innen die Stadt Langenfeld im Rheinland. Historisch ein Zusammenschluss aus einzelnen Dörfern und erst seit 1948 zur Stadt erhoben macht Langenfeld heute einen jungen und dynamischen Eindruck: Moderne Architektur gewürzt mit historischen Gebäuden prägen den Stadtkern. In dessen Mitte befindet sich die Stadtbibliothek: Das Gebäude aus den 1980er Jahren, das gemeinsam mit anderen Kulturanbietern genutzt wird, sollte mittels grundlegender Renovierung und Umgestaltung nun das volle Potential dieser besonderen Lage ausschöpfen.

Bibliotheken müssen sich als gesellschaftliche Mittelpunkte neu positionieren.

Aat Vos Aat Vos Creative Director bei aatvos

Bürger*innenbeteiligung als Schlüssel 

“Bibliotheken diesen Alters wie die Stadtbibliothek Langenfeld benötigen oft eine umfassende Erneuerung, um den Anforderungen des 21. Jahrhunderts gerecht zu werden”, berichtet Aat Vos, Creative Director von aatvos. “Neben Modernisierungen technischer Natur meint dies vor allem, dass sich die Bibliotheken als gesellschaftliche Mittelpunkte neu positionieren.” Während die Liste der technischen Renovierungsarbeiten verhältnismäßig schnell definiert ist, verhält es sich mit der Frage, wie sich die Stadtbibliothek zu einem Ort entwickeln kann, an dem sich die Stadtgesellschaft wie Zuhause fühlt, etwas subtiler. Der Schlüssel zur Antwort liegt vor allem in den unzähligen Gesprächen, die die Mitarbeitenden der Stadtbibliothek mit ihren Besucherinnen und Besuchern aller Altersgruppen geführt haben.

Trainerin und Bibliotheksberaterin Julia Bergmann, die bereits mehrere aatvos-Projekte begleitete, wurde ins Boot geholt, um einen umfassenden Beteiligungsprozess zu leiten. Gemeinsam mit den verschiedenen Besuchsgruppen der Stadtbibliothek – von Jung bis Alt – entwickeltet die Expertin für Design Thinking erste Prototypen, beispielsweise für abgeschottete Lernplätze, eine multifunktionale Veranstaltungsbühne und gemütliche Sitzecken. “Die Gespräche mit unserem Publikum waren unheimlich wertvoll”, erinnert sich Martina Seuser, Leiterin der Stadtbibliothek Langenfeld. “Wir lernten nicht nur die Wünsche und Bedürfnisse unserer Gäste besser kennen, sondern wuchsen auch als Team enger zusammen.” 

Offen und gemütlich

Die Erkenntnisse und Ideen aus dem Design Thinking flossen in den einwöchigen Workshop mit dem aatvos-Team ein und wurden infolge in räumlichen Layouts, Farb-, Licht- und Materialkonzepten und Ausstattungsentwürfen konkretisiert – grundlegende Ideen für die Umgestaltung der Stadtbibliothek Langenfeld, die unter Leitung von aatvos gemeinsam mit MARS Interieurarchitecten und Franke Architektur zu Ende gedacht und umgesetzt wurde.

Das Ergebnis dieses intensiven Prozesses lässt sich sehen: Ein offener Bibliotheksraum, der von dem Medienbestand des Hauses umarmt wird und eine Brücke zwischen kleineren Räumen mit spezifischen Funktionen schafft. Neben dem modernen Makerspace mit 3D-Druckern, einer Digitalisierungsstation und einem Maxi-Schachbrett für Matches im Stehen, sowie dem separaten Raum für Jugendliche im Erdgeschoss – beide Bereiche sind durch eine farbenfrohe Wandgestaltung des Büros für Grafikdesign und Illustration KAPUZE visuell miteinander verbunden – befinden sich der Kinderbereich, die hauseigene Kunstgalerie und ein abtrennbarer Veranstaltungsraum mit professioneller Bühne im ersten Obergeschoss. Im ganzen Haus sind gemütliche Sitzecken mit Sesseln, Sofas und Kokons verstreut, die zum Lesen, Spielen und Verweilen einladen. Einzel- und Gruppenarbeitsbereiche mit modernster Ausstattung stehen jenen zur Verfügung, die ein ruhiges Plätzchen zum Arbeiten und Recherchieren suchen. 

Wir lernten nicht nur die Wünsche und Bedürfnisse unserer Gäste besser kennen, sondern wuchsen auch als Team enger zusammen.

Martina Seuser Martina Seuser Leiterin der Stadtbibliothek Langenfeld

Lichtermeer der Stadtgesellschaft

Ein imposanter Kronleuchter aus über sechzig Glaslampen bildet nicht nur das Herzstück optischer Natur. “Über die lokalen Zeitschriften haben wir die Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, uns ihre alten Lampen zu spenden”, erinnert sich Martina Seuser. Die Bewohnerinnen und Bewohner von Langenfeld brachten der Stadtbibliothek infolge über neunzig Lampen und verliehen dem Lichtkunstwerk so eine persönliche Note, das mittlerweile mehr als nur die Leere im Treppenaufgang füllt. “Wir sind von dem Zuspruch der Stadtgesellschaft beeindruckt. Unser Kronleuchter bekommt seit der Eröffnung regelmäßig Besuch von jenen, die ihren Teil zum Gesamtbild beigetragen haben.”

Um die Raummitten zu öffnen, befindet der größte Teil des Medienbestandes in Wandregalen. Das sogenannte ‘Superregal’ – ein beeindruckendes Regal mit einer Länge von 31m und Höhe von 7m –verbindet die beiden Etagen mit ihren Zwischengeschossen. Mit seinem kräftigen Blau harmoniert es mit dem hellen Eichenholz der anderen, kleineren Regale. Eingebettet in Beton, der mit einem grau-bräunlichen Sand aus der Umgebung Langenfelds gefärbt ist, entsteht eine Wohlfühlatmosphäre, die für Informalität und Niedrigschwelligkeit mit einem Hauch Imperfektheit steht – ein Lehrbuchbeispiel einer de-institutionalisierten Bibliothek, die ihren Besucherinnen und Besuchern auf Augenhöhe begegnet. 

PROJEKTINFORMATIONEN

Die Stadtbibliothek Langenfeld ist ein Gemeinschaftsprojekt von aatvos (Designkonzept, Strategie, Art Direction) und MARS Interieurarchitecten und Franke Architektur (Technische Umsetzung) in Zusammenarbeit mit Team Stonepark (Generalunternehmer), FacilitylinQ (freistehende Möbel), Julia Bergmann Training & Consulting (Design Thinking), KAPUZE Grafikdesign (Christoph Ulherr, Wandgestaltung), Edubib (Regale) und Bibliotheca (“Open Library”-Konzept, selfCheck 1000 und open+ System).