Erinnerung braucht Raum: ein Dritter Ort in Berlin

, 26 Apr 2021

Mitten in Berlin entsteht das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung – ein sichtbares Zeichen für die Erinnerung und das Gedenken an Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration in Geschichte und Gegenwart. Am 21. Juni 2021 eröffnet die gleichnamige Stiftung diesen Ort geschichtlicher Bildung und lebendiger Debatten. Im ersten Obergeschoss des Gebäudes entsteht eine Bibliothek mit einem Zeitzeugenarchiv, die im Sinne Dritter Orte zum Verweilen und zu Gesprächen einlädt.

Die Geschichte von Europa im 20. Jahrhundert war lange von nationalen Konflikten, Kriegen und Diktaturen geprägt. Dabei waren auch viele Menschen gezwungen, ihre Dörfer und Städte zu verlassen. Daher beschloss der Deutsche Bundestag im Jahr 2008 ein sichtbares Zeichen für die Erinnerung und das Gedenken an Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration zu setzen. Das neue ‘Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung’ soll allerdings nicht nur dem Erinnern und Gedenken an Vergangenes Raum geben, sondern auch Diskurse über gegenwärtiges Geschehen anregen. Nach Renovierung und Umgestaltung durch das österreichische Architektenbüro marte.marte wurde 2020 das ehemalige Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin der Stiftung übergeben. Neben Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen findet hier als wichtige Säule ebenfalls eine wissenschaftliche Spezialbibliothek mit Zeitzeugenarchiv Platz – hier entsteht bis zur Eröffnung des Zentrums im Sommer 2021 ein Dritter Ort.

Wir wollten den neuen Wissensort als einladenden Ort für unterschiedlichste Zielgruppen aufbauen.

Dr. Nils Köhler Dr. Nils Köhler Bereichsleiter Dokumentation und Forschung der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

“Wir wollten den neuen Wissensort als einladenden, offenen Ort für unterschiedlichste Zielgruppen aufbauen”, erinnert sich Dr. Nils Köhler, der den Bereich Dokumentation und Forschung der Stiftung leitet. “Uns ist wichtig, dass unsere Besucherinnen und Besucher nach dem Rundgang durch die Ausstellungen in der Bibliothek verweilen, um in Büchern und persönlichen Berichten zu stöbern und das Erfahrene zu verarbeiten.”

Einladung zum Gespräch

Mit diesem Ziel startete der dreitägige Workshop, zu dem das Team der Stiftung und Designerinnen und Architekten von aatvos im März 2020 in Berlin zusammenkamen. “Der Workshop war ein Schlüsselerlebnis für uns”, erinnert sich Barbara Kurowska, die als Verantwortliche für das Zeitzeugenarchiv an der Konzipierung des Lesesaals mitwirkt. “Mit der Unterstützung des aatvos-Teams haben wir im Detail herausgearbeitet, wie sich unsere Anliegen, nämlich das gemeinsame Aufarbeiten von Geschichte und der Respekt für die Perspektiven Anderer, in der Gestaltung des Ortes widerspiegeln lassen.” Ein wichtiges Ergebnis des Workshops war das Versprechen, welches die Bibliothek und Zeitzeugenarchiv als Dritter Ort zukünftig im Zentrum einlösen soll: Wissen zu kontextualisieren und zu einem Gespräch darüber einzuladen.

Mit der Unterstützung des aatvos-Teams haben wir herausgearbeitet, wie sich unsere Anliegen in der Gestaltung des Ortes widerspiegeln lassen.

Barbara Kurowska Barbara Kurowska Wissenschaftliche Mitarbeiterin Zeitzeugenarchiv der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung

Sitzkokons als intime Medienstationen

Was bedeutet es – persönlich und für die Gesellschaft – die Heimat zu verlieren? In diese Frage können sich die Gäste in den neugestalteten Räumen von Bibliothek und Zeitzeugenarchiv des Dokumentationszentrums vertiefen. Im vorgelagerten Wandelgang laden separate Sitzkokons die Besuchenden in die Bibliothek ein – so wirkt der neue Dritte Ort bereits von Weitem in die Ausstellungsräume des Zentrums hinein. In intimer und gemütlicher Atmosphäre haben die Besuchenden die Möglichkeit, tiefer in die persönlichen Erinnerungen von Betroffenen einzutauchen und sich zu vergegenwärtigen, was es bedeutet ins Ungewisse zu flüchten. Neben komfortablen Sitzgelegenheiten bietet jeder Kokon auch eine Medienstation: Je eine Landkarte auf Augenhöhe und auditive Eindrücke bringen den Besuchenden durch Flucht und Vertreibung geprägte Lebensgeschichten näher. Geografische Koordinaten von Orten, die zu unterschiedlichen Zeiten Schauplatz von Zwangsmigration waren, sind am Rahmen der Kokons erkennbar, der entsprechend mit einem Laser bearbeitet wurde – Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Studio Neon und aatvos.

Sichtbare Spuren

In der Mitte der Bibliothek entsteht zudem ein Treff- und Informationspunkt mit großem Gemeinschaftstisch. Der zentrale Bereich wird flankiert von Einzel- und Gruppenarbeitsplätzen mit kleiner Kaffeetheke; auch an der Fensterfront werden attraktive Arbeitsplätze eingerichtet. Insgesamt finden hier vierzig Personen einen Platz zum Lesen, Recherchieren und Reflektieren. Bei der Gestaltung der Kokons und vieler Sitzmöbel findet Leder Anwendung, denn das natürliche Material erinnert daran, dass es Momente gibt, die sichtbare Spuren hinterlassen. 

Wir legten großes Augenmerk darauf, Möglichkeiten für das Publikum zu schaffen, das Gesehene, Gehörte und Erlebte zu durchdenken und zu verarbeiten.

Aat Vos Aat Vos Creative Director bei aatvos

“Bei der Gestaltung des Innenraums legten wir großes Augenmerk darauf Möglichkeiten für das Publikum zu schaffen, damit sie das, was sie im Museum gesehen, gehört und erlebt haben, durchdenken und verarbeiten können”, fasst Kreativdirektor Aat Vos das Vorhaben zusammen. “In der neuen Bibliothek gibt es verschiedene Möglichkeiten sich zu setzen, zur Ruhe zu kommen und über die Bedeutung von Erinnerungen zu reflektieren.”

Projektinformation

Die Gestaltung der Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist eine Vision, die aatvos gemeinsam mit den Auftraggebenden innerhalb eines Workshops entwickelt hat.

Konzept, Workshop, Design, Skizzen: aatvos
Projeksteuerung: tp management GmbH
Möbeldesign: Team Stonepark
Auftrag, Ausschreibung, Bauleitung: Raumkonzepte + Interior Design I Zauleck
Grafikdesign von Koordinaten und Karte: Studio Neon