ERINNERUNG BRAUCHT RAUM: EIN DRITTER ORT IN BERLIN

23 Jun 2021

Mitten in Berlin entsteht das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung – ein sichtbares Zeichen für die Erinnerung und das Gedenken an Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration in Geschichte und Gegenwart. Am 23. Juni 2021 eröffnet die gleichnamige Stiftung diesen Ort geschichtlicher Bildung und lebendiger Debatten. Im ersten Obergeschoss des Gebäudes entsteht eine Bibliothek mit einem Zeitzeugenarchiv, die im Sinne Dritter Orte* zum Verweilen und zu Gesprächen einlädt.

Die Geschichte von Europa im 20. Jahrhundert war lange von nationalen Konflikten, Kriegen und Diktaturen geprägt. Dabei waren auch viele Menschen gezwungen, ihre Dörfer und Städte zu verlassen. Daher beschloss der Deutsche Bundestag im Jahr 2008 ein sichtbares Zeichen für die Erinnerung und das Gedenken an Flucht, Vertreibung und Zwangsmigration zu setzen. Das neue ‘Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung’ soll allerdings nicht nur dem Erinnern und Gedenken an Vergangenes Raum geben, sondern auch Diskurse über gegenwärtiges Geschehen anregen. Nach Renovierung und Umgestaltung durch das österreichische Architektenbüro marte.marte wurde 2020 das ehemalige Deutschlandhaus am Anhalter Bahnhof in Berlin der Stiftung übergeben. Neben Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen findet hier als wichtige Säule ebenfalls eine wissenschaftliche Spezialbibliothek mit Zeitzeugenarchiv Platz – hier kreierte aatvos einen Dritten Ort. Am 21. Juni 2021 wurde das Zentrum in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel  im Rahmen eines Festaktes offiziell eingeweiht und heißt ab dem 23. Juni 2021 die Öffentlichkeit willkommen.

Sitzkokons als intime Medienstationen

Was bedeutet es – persönlich und für die Gesellschaft – die Heimat zu verlieren? In diese Frage können sich die Gäste in den neugestalteten Räumen von Bibliothek und Zeitzeugenarchiv des Dokumentationszentrums vertiefen. “Bei der Gestaltung des Innenraums legten wir großes Augenmerk darauf Möglichkeiten für das Publikum zu schaffen, damit sie das, was sie im Museum gesehen, gehört und erlebt haben, durchdenken und verarbeiten können”, fasst aatvos Kreativdirektor Aat Vos das Vorhaben zusammen. “In der neuen Bibliothek gibt es verschiedene Möglichkeiten sich zu setzen, zur Ruhe zu kommen und über die Bedeutung von Erinnerungen zu reflektieren.”

Im vorgelagerten Wandelgang laden separate Sitzkokons die Besuchenden in die Bibliothek ein – so wirkt der neue Dritte Ort bereits von Weitem in die Ausstellungsräume des Zentrums hinein. In intimer und gemütlicher Atmosphäre haben die Besuchenden die Möglichkeit, tiefer in die persönlichen Erinnerungen von Betroffenen einzutauchen und sich zu vergegenwärtigen, was es bedeutet ins Ungewisse zu flüchten. Neben komfortablen Sitzgelegenheiten bietet jeder Kokon auch eine Medienstation: Je eine Landkarte auf Augenhöhe und auditive Eindrücke bringen den Besuchenden durch Flucht und Vertreibung geprägte Lebensgeschichten näher. Geografische Koordinaten von Orten, die zu unterschiedlichen Zeiten Schauplatz von Zwangsmigration waren, sind am Rahmen der Kokons erkennbar, der entsprechend mit einem Laser bearbeitet wurde – Ergebnis einer Zusammenarbeit zwischen Studio Neon und aatvos.

Sichtbare Spuren

In der Mitte der Bibliothek entsteht zudem ein Treff- und Informationspunkt mit großem Gemeinschaftstisch. Der zentrale Bereich wird flankiert von Einzel- und Gruppenarbeitsplätzen mit kleiner Kaffeetheke; auch an der Fensterfront werden attraktive Arbeitsplätze eingerichtet. Insgesamt finden hier vierzig Personen einen Platz zum Lesen, Recherchieren und Reflektieren. Bei der Gestaltung der Kokons und vieler Sitzmöbel findet Leder Anwendung, denn das natürliche Material erinnert daran, dass es Momente gibt, die sichtbare Spuren hinterlassen. 

Mehr Informationen über das Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung: www.flucht-vertreibung-versoehnung.de

* Ein Dritter Ort ist ein öffentlicher Ort, der zugänglich, vertraut, sicher und oft in der Nähe ist, und dazu einlädt, ihn allein oder in Begleitung zu besuchen.

PROJEKTINFORMATION

Die Gestaltung der Bibliothek mit Zeitzeugenarchiv im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung ist eine Vision, die aatvos gemeinsam mit den Auftraggebenden innerhalb eines Workshops entwickelt hat.

Auftraggeberin: Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung
Konzept, Workshop, Design, Skizzen: aatvos
Projeksteuerung: tp management GmbH
Möbeldesign: Team Stonepark
Auftrag, Ausschreibung, Bauleitung: Raumkonzepte + Interior Design I Zauleck
Grafikdesign von Koordinaten und Karte: Studio Neon

Fotos: Marco Heyda/aatvos

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