Saskia Sassen über die Rückgabe unserer Städte an ihre Bewohner

Third Places 08 Feb 2018

Große Konzerne übernehmen unsere Städte, indem sie Gebäude und Grundstücke auf- und weiterverkaufen. Zeit, Stellung zu beziehen, sagt die Soziologieprofessorin Saskia Sassen, die auch in Aat Vos‘ Buch 3RD4ALL – How to Create a Relevant Public Space vorgestellt wurde. „Wir sollten Druck auf die politische Klasse ausüben, um unsere Städte für alle ihre Bürger lebensfähig zu machen“. 

Geld ist Macht – eine unbequeme Wahrheit, wenn es um urbane Lebensräume rund um den Globus geht, in denen finanzkräftige Konzerne ihre privilegierte Position auf Kosten der vielen weniger privilegierten Bewohner ausnutzen. Während Städte doch eigentlich die Räume sind, in denen insbesondere Menschen ohne nennenswerte Macht Geschichte schreiben und Kultur schaffen, sagt Saskia Sassen. „Wenn der derzeitige Ausverkauf anhält, werden wir diese Art von kreativer Dynamik verlieren, der unsere Städten ihre Weltoffenheit zu verdanken haben“, warnte sie bereits vor zwei Jahren im Guardian.

Saskia Sassen, writer and Robert S. Lynd Professor of Sociology, Columbia University Co-Chair Committee on Global Thought, Columbia University
Saskia Sassen, writer and Robert S. Lynd Professor of Sociology, Columbia University Co-Chair Committee on Global Thought, Columbia University

Leerstand

Sassen: „Und es ist kein Ende in Sicht. Ein Aspekt ist die bekannte Tatsache, dass diese Praktiken eine populäre Möglichkeit darstellen, unregelmäßig erworbenen Reichtum zu bereinigen – um es freundlich auszudrücken. Aber da gibt es noch zwei weitere Aspekte. Erstens sind die erwähnten Praktiken eine Form des Erwerbs von städtischem Land, das oft viel schwieriger zu besitzen ist als das Gebäude auf dem Grundstück; zweitens können sie von Investoren genutzt werden, um auf den Finanzmärkten zu zocken. Insbesondere mit Blick auf die Herstellung von Asset-Backed Securities, die leicht ge- und verkauft werden können – wobei das Gebäude oder ein Teil davon dabei das „Asset“ darstellt…“.

Sassen ist sogar davon überzeugt, dass, selbst wenn diese Gebäude halb leer stehen, sie immer noch Gewinne an ihre Besitzer dank ihrer Finanzierungsschemata liefern. Und viele dieser Gebäude stehen tatsächlich leer.

Diejenigen, die nicht leer stehen, dienen typischerweise als Büroräume großer Unternehmen oder als Luxuswohnungen und drängen die weniger Privilegierten immer weiter aus den Innenstädten heraus.

Sassen: „Wir müssen gegen diese Entwicklung ankämpfen, Druck auf die politischen Klassen, auf die Bürgermeister ausüben, die negativen Konsequenzen kommunizieren und darauf aufmerksam machen, dass die Angehörigen der Mittelschicht die Leidtragenden in dieser Entwicklung ist, weil der Preis für ein Zuhause oder einen Arbeitsplatz in diesen Innenstädten so exorbitant hoch ist, dass sie oft mit sehr langen Reisezeiten zum Arbeitsplatz konfrontiert sind oder sich mit geradezu winzigen Wohnungen im Zentrum begnügen müssen.“

Gruppenspezifische Räume

„Ich habe mich dafür interessiert zu verstehen, wie Minderheiten und Randgruppen auch Arten von Räumen für ihre ganz eigenen Zwecke konstruieren können, die auf ihre spezifischen Bedürfnisse ausgerichtet sind. Unter Randgruppen verstehe ich nicht nur die finanziell, sondern auch die sozial marginalisierten Gruppen – in vielen Teilen der Welt wären dies schwule und transsexuelle Menschen oder diejenigen, die ein bestehendes System in Frage stellen, und so weiter.“

Diese Randgruppen können und wollen alle an Räumen teilhaben, die sich auf eine Reihe von spezifischen, für sie relevanten Themen konzentrieren, sagt sie. „Für die ärmere Bevölkerung könnte es darum gehen, sich gegenseitig zu helfen, indem man bspw. Matratzen gegen Tische tauscht, o.ä. Oder reiche Menschen, die jagen gehen, würden private Treffen organisieren, um Informationen über die Jagd auf Hirsche mit besonders großen Hörnern auszutauschen.“

Die Straße als Dritter Ort

Ein weiteres, zentrales Thema auf Sassens Gebiet ist es, die „Straße an sich“ als Dritten Ort zu betrachten. Das heißt nicht, dass die Straße zu einem Ort werden soll, an dem marginale und nicht-marginale Gruppen von Menschen Zeit miteinander verbringen. Sassen verwendet eine soziologischere Definition für den Begriff „Dritter Ort“: „Es ist ein vielschichtiger Begriff, der eine vielschichtige Umgebung beschreibt. Er kann auf viele verschiedene Umgebungen angewendet werden, aber er steht auch für etwas, das entweder im Entstehen begriffen oder ungeläufig ist, etwas, das „weder hier noch dort“ ist und nur schwer näher bestimmt werden kann.

Das ist auch unsere Stadt.

Saskia Sassen Saskia Sassen Professor of Sociology

Im Falle der urbanen Umgebung, so Sassen weiter, repräsentiert der Begriff eine Art von Raum, der weder Innenstadt noch Vorort ist. Er kann viele verschiedene Formate annehmen, z.B. private Firmenparks mit Bürotürmen und Sicherheitspersonal, aber ohne Wohnungen. „Aber womöglich lassen sich mit dem Begriff auch die unkonventionelleren Wohnformen erfassen, die in familiären und Geringverdienermilieus und dergleichen immer üblicher werden – insbesondere im Hinblick auf das Phänomen der Vermietung freier Privatflächen an Dritte oder verschiedene Formen von Wohngemeinschaften.“

Auf einer anderen Ebene hat Sassen den Begriff des Dritten Orts verwendet, um die Verbindung zwischen der Stadt und der Umwelt zu erfassen – als ein Raum, in dem die Stadt die Potentiale ihrer Biosphäre (z.B. Bakterien, Algen) anstelle von bspw. Plastik und Chemikalien nutzt, um mit verschiedenen städtischen Bedingungen umzugehen. Ein Dritter Ort wird dann zu einem Zwischenraum – in diesem Fall zwischen Stadt und Biosphäre. Dies ist als abstrakte Idee zu verstehen, nicht im Sinne eines physischen Raums oder eines Gebäudes. Man könnte sogar digitale Orte als Dritte Orte betrachten- im Prinzip jeden Ort, der keiner ist, an dem jemand normalerweise seine Zeit verbringt, wie das Zuhause oder der Arbeitsplatz.

Ein Ort für Menschen

Die letztgenannte Definition könnte diejenige sein, die am ehesten auf die Straße als Dritten Ort zutrifft. Wir halten uns nicht unbedingt dort auf – obwohl manche Leute das wohl tatsächlich tun -, aber wir alle nutzen sie, um von A nach B zu gelangen. Deshalb sollten wir in der Debatte über die negativen Entwicklungen in unseren Städten die Straße mehr als einen Ort anerkennen, der sich im Besitz aller befindet – also, an dem sich jeder sicher und wohl fühlen kann – im Sinne einer einfachen, schwachen Form von Geselligkeit.

Während Sassen als Soziologin nicht wirklich im Bereich Straßengestaltung aktiv ist, unterstützt sie doch die positivere Verwendung des Begriffs Dritter Ort: ein Ort, an dem Menschen sich tatsächlich gerne aufhalten, neben ihrem Ersten Ort – dem Zuhause – und ihrem Zweiten Ort – ihrem Arbeitsplatz oder ihrer Schule.

Sassen: „Was mir wichtig ist und was ich gerne in Bezug auf das Thema Straße betone, ist, dass es ein Ort für die Menschen ist. Und nein, ich denke nicht an Autobahnen oder große Straßen voller Busse und Lastwagen. Ich betrachte die Straße als eine Art unbestimmten Raum, in dem Akteure aus den unterschiedlichsten Welten zusammenkommen. Wo diejenigen, die das Gefühl haben, nicht in einen Park wie den Jardin de Luxembourg zu gehören, spüren können, dass die Straße wirklich ein Ort ist, der auch ihnen gehört.“

Wir können nur hoffen, dass unsere lokalen Regierungen bereit sind, aus den scharfen Beobachtungen und wichtigen Erkenntnissen von Saskia Sassen zu lernen, so dass unsere Städte in naher Zukunft vielleicht wieder echte Städte sein können, anstatt nur eine Reihe von großen Betonkomplexen, die dem Profit der Reichen dienen.

Über Saskia Sassen

Saskia Sassen ist „Robert S. Lynd“-Professorin für Soziologie an der Columbia University und Mitglied des Committee on Global Thought, das sie bis 2015 leitete. Sie studiert Städte, Einwanderung und nationale Ökonomien im Kontext der Weltwirtschaft, wobei Ungleichheit, Geschlechtergerechtigkeit und Digitalisierung die drei roten Fäden bilden, die sich durch ihre Arbeit ziehen. In den Niederlanden geboren, wuchs sie in Argentinien und Italien auf, studierte in Frankreich, wurde multilingual in fünf Sprachen erzogen und startete ihre Karriere in den USA. Sie ist Autorin von acht Büchern und Herausgeberin oder Mitherausgeberin von drei weiteren. Insgesamt wurden ihre Bücher in über zwanzig Sprachen übersetzt. Sie erhielt viele Auszeichnungen und Ehrungen, darunter mehrfach den Doctor Honoris Causa, den Principe de Asturias Preis in den Sozialwissenschaften 2013, die Wahl in die Königliche Akademie der Wissenschaften der Niederlande und den Chevalier de l’Ordre des Arts et Lettres der französischen Regierung.
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Artikel von Claudia Ruigendijk.
Fotografie von Alex MacNaughton