Die Finessen und Feinheiten der Gestaltung Dritter Orte – Ein interview mit Aat Vos

Third Places 25 Aug 2020

Öffentliche Räume sollen uns im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang durch die Förderung von Interaktion und Kommunikation anregen und inspirieren. Sämtliche Nutzer eines öffentlichen Ortes sollten sich willkommen fühlen und die gleiche Chance auf Teilnahme erhalten. Design spielt eine entscheidende und zunehmend wichtige Rolle bei der Revitalisierung von Lebensräumen. Es ist ein Katalysator, der Menschen zusammenbringt, den Dialog anregt sowie den Transfer von Wissen und Ideen fördert. Als Creative Guide und Architekt widmet sich Aat Vos der Wiederbelebung des öffentlichen Raums und ruft sozialen Wandel hervor durch die gezielte Gestaltung Dritter Orte. Seine Mission: Orte zu schaffen, an denen sich Menschen willkommen fühlen.

Event at Deichman Grünerløkka Library, Oslo
Event at Deichman Grünerløkka Library, Oslo

Die Schaffung von Orten der Begegnung ist laut Aat Vos eine der besten Strategien, um Gesellschaften bei der Realisierung einer Kultur der Integrativität zu unterstützen. Begegnungen geben Gelegenheit zu diskutieren, zu debattieren, Meinungen zu bilden, Wissen auszutauschen, sich gegenseitig zu inspirieren oder einfach zusammen Zeit zu verbringen. Es sind „Paläste für das Volk“, wie der US-Soziologe Eric Klinenberg sie nennt, oder „Dritte Orte“ laut der Definition des Stadtsoziologen Ray Oldenburg.

  • Im Werk von Oldenburg, einer wesentlichen Inspirationsquelle für die Vision von Aat Vos, bildet das Zuhause den sogenannten „Ersten Ort“.
  • Den Arbeits- oder Ausbildungsplatz – an dem Menschen oft den größten Teil ihrer Zeit verbringen – bezeichnet er als „Zweiten Ort“.
  • Und ebenjene „Dritten Orte“, zu guter Letzt, stellen seiner Definition zufolge die Anker des sozialen Lebens in einer Gemeinschaft dar, weil sie breitere und kreativere Interaktion ermöglichen und aktiv fördern.

Der Dritte Ort befindet sich im öffentlichen Raum, in der Regel in Form von Gemeindezentren, Bibliotheken, Parks, Startup-Cafés oder Innovationslaboren. Oder zumindest sollte das idealerweise so sein. Allerdings beunruhigt Aat eine gewisse Entwicklung seit Jahren: Der öffentliche Raum fällt zunehmend dem Prozess der Kommerzialisierung zum Opfer – ein besorgniserregender Trend, der die Zahl der im Wortsinne öffentlichen Räume sowie deren Besucherzahlen kontinuierlich reduziert hat.

Die finanziellen Barrieren, die an vielen Orten bestehen (wie z.B. Eintrittsgelder oder Kaufzwang), schließen Menschen mit niedriger Kaufkraft von vornherein aus. Diese wirtschaftliche Diskriminierung hat dazu geführt, dass öffentliche Räume ihren ursprünglichen Sinn und Zweck aus den Augen verloren haben: Allen Mitgliedern der Öffentlichkeit ein zweites Zuhause zu bieten, unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Nationalität, Rasse, Religion, Alter, politischer Überzeugung oder sexueller Neigung.

Diese Entwicklung inspirierte Aat Vos dazu, sich gegen die physische und gesellschaftli-che Spaltung der Gesellschaft zu wehren, indem er 2017 sein Buch 3RD4ALL – How to Create a Relevant Public Space veröffentlichte. Dieses Buch enthält mehr als 20 aus-führliche Interviews mit Experten wie der Soziologieprofessorin Saskia Sassen und dem Designer Karim Rashid. Es bietet einen topaktuellen Einblick in die Gegenwart und Zu-kunft unserer öffentlichen Räume sowie in die Finessen und Feinheiten der Gestaltung relevanter und ansprechender Dritter Orte.

Aat Vos – Creative Guide
Aat Vos – Creative Guide

Warum Dritte Orte?

Alles begann mit einem unzufriedenen Kunden inmitten der Finanzkrise 2008. Ich wurde mit der Innenausstattung einer Bibliothek beauftragt – ich tat, was ein Architekt üblicherweise tut, und der Kunde schien zufrieden.

Ein paar Monate später rief mich ein Bauunternehmer an.

Die Angestellte nominierte eine Vorauswahl von Architekten für das Design einer Bibliothek und teilte mir mit, ich sei einer der wenigen Auserwählten. Interessanterweise war der Auftraggeber derselbe Bibliothekskunde, für den ich in den Monaten zuvor gearbeitet hatte. Jemand schien mit meinem ersten Design doch nicht allzu glücklich gewesen zu sein. Ich rief diesen Kunden an, bat um eine zweite Chance und machte die gleiche Arbeit noch einmal. Der der Kunde war auch diesmal nicht zufrieden, aber komunizierte dies wieder nicht.

Was geschah mit dem Projekt?

Der Auftrag wurde schließlich in einem europäischen Ausschreibungsverfahren vergeben, das mir von einem Kollegen zur Teilnahme und Bewerbung anempfohlen wurde. Erneut besuchte ich die vorläufigen Bibliotheksräume desselben Kunden, wo man mir vorschlug, gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Im oberen Teil des Gebäudes befand sich ein bisher ungenutzter Raum, der zunehmend von den Bibliotheksbesuchern vereinnahmt wurde; sie hatten den Raum sogar mit ihren eigenen Möbeln ausgestattet. Angesichts der wachsenden Ansammlung von Sofas, Tischen und Stühlen nahmen die Mitarbeiter von dieser Initiative stärker Notiz und begannen, Kaffee und Zeitschriften anzubieten.

Die Besucher hatten sich langsam aber sicher den Raum zu eigen gemacht und schienen mit ihm zufrieden zu sein. „Wir nennen es unser Wohnzimmer“, sagte der Kunde, der eindeutig einer Sache auf der Spur war, der ich zuvor zu wenig Beachtung geschenkt hatte. Ich hatte da so eine Ahnung und wusste plötzlich, wie wir die bevorstehende Ausschreibung anzugehen hatten.

Wie haben Sie dieses Aha-Erlebnis in die Praxis umgesetzt?

Ich lud das Bauunternehmen und seine Crew ein, sich zusammen mit ihrem Praktikanten und einigen Freunden dem Designteam anzuschließen.

Wir machten uns daran, unsere Vision eines ultimativen urbanen Wohnzimmers zu entwerfen, die die meisten Anforderungen des Designauftrags erfüllen, aber nicht vollständig von ihm dominiert werden sollte.

Das Ergebnis?

Wir haben die Ausschreibung gewonnen! Dann geschahen zwei Dinge: Am Abend vor der Eröffnung setzte ich mich in die in ein Wohnzimmer verwandelte Bibliothek und stellte fest, dass ich einfach nur die Atmosphäre genoss, anstatt einzelne architektonische Merkmale zu bewundern. Ich fühlte mich wahrlich wie zu Hause, was für mich als Architekt eine ganz neue Erfahrung war.

Der echte Wendepunkt kam jedoch erst Wochen später, als ich eine E-Mail von einem unbekannten Mann erhielt, die nicht mehr als ein paar kurze Worte enthielt:

„Danke, dass Sie einen Ort geschaffen haben, der mich zum ersten Mal seit vier Jahren dazu motiviert, das Haus zu verlassen.“

Diese Zeilen trafen mich ins Herz und machten mir klar, dass es bei meiner Arbeit nicht um mich ging, sondern dass Architektur ein Mittel zur Erreichung eines höheren Zwecks sein sollte. Ich beschloss, mich mit dem Thema der Dritten Orte näher zu beschäftigen, und begann damit, das Werk von Ray Oldenburg, Joseph Pine und Diane Ghirardo erneut zu studieren.

So entstand die Idee zum Buch 3RD4ALL – How To Create a Relevant Public Space, die einen kontinuierlichen Forschungsprozess bezüglich der Vorteile von Dritten Orten und den notwendigen Rahmenbedingungen in Gang setzen sollte.

Allgemein wird oft angenommen, dass „Öffentlicher Raum“ sich auf frei zugängliche Orte im Freien wie Parks oder öffentliche Plätze bezieht. Die Arbeit von aatvos hat jedoch einen größeren Aktionsradius. Wie definieren Sie „öffentlich“?

Um dies zu beantworten, möchte ich näher auf die Theorien und Lehren einiger meiner persönlichen Vordenker eingehen.

Die moderne Idee der „Öffentlichkeit“ geht wohl auf den deutschen Philosophen Jürgen Habermas zurück, der das Werk „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ verfasste, in welchem er Folgendes konstatierte: „Die öffentliche Sphäre ist eine virtuelle oder imaginäre Gemeinschaft, die nicht notwendigerweise in einem konkret bestimmbaren Raum existiert“, und zu „öffentlich“ erklärte er: „Ereignisse und Anlässe sind „öffentlich“, wenn sie für alle offen sind, im Gegensatz zu geschlossenen oder exklusiven Vorgängen“.

Dem Kommunikationswissenschaftler Gerhard A. Hauser zufolge sind öffentliche Orte „diskursive Räume, in denen sich Einzelpersonen und Gruppen zusammenfinden, um Angelegenheiten von gemeinsamem Interesse zu diskutieren und, wenn möglich, ein gemeinsames Urteil darüber zu fällen“.

Mit anderen Worten, „öffentlich“ ist das, was uns in unseren jeweiligen Gemeinschaften miteinander verbindet. „Öffentlich“ ist das, was uns allen gehört – oder gehören sollte bzw. gehört hat.

Was den materiellen Aspekt betrifft, so sind öffentliche Orte für jedermann leicht zugänglich und nutzbar und sind sowohl sicher als auch benutzerfreundlich. Auf diese Weise können sie über einen längeren Zeitraum hinweg genutzt werden. Was die Programmgestaltung anbelangt, so wird die Mitwirkung der Benutzer begrüßt und die Öffentlichkeit dazu eingeladen, sich den Raum zu eigen zu machen. Mit Goodies wie Kaffee, sauberen Toiletten und kostenlosem Eintritt wird der Aufenthalt zusätzlich schmackhaft gemacht.

Unter Berücksichtigung all dieser Definitionen bedeutet „öffentlich“ für mich persönlich „Sharing and Caring“, also einen Beitrag zu unserer Gesellschaft zu leisten und sicher-zustellen, dass sie für uns alle ein guter Ort zum Leben ist.

Aat Vos Aat Vos Creative Guide

Wie sollte man an die Aufgabe der Gestaltung relevanter und ansprechender öffentlicher Orte grundsätzlich herangehen?

Man sollte stets damit beginnen, nach dem „Warum?“ zu fragen.

In Anlehnung an den Autor Simon Sinek beschreibt das „Warum“, was das höhere Ziel und die tiefere intrinsische Motivation eines Projekts ist. Mit anderen Worten: Warum gibt es den jeweiligen öffentlichen Ort und warum ist er für andere wichtig? Um diese Frage zu beantworten, sind eingehende Nutzerstudien erforderlich. Das „Warum“ ist der Ausgangspunkt jedes Projekts: Es bestimmt seine „Mentalität“.

Jeder, der an der weiteren Ausarbeitung und Realisierung des Projekts beteiligt ist, muss sich der jeweiligen Leitgedanken des Projekts bewusst sein und sie aktiv zur Anwendung bringen.

Was halten Sie von der Entwicklung, dass öffentliche und kommerzielle Räume zunehmend miteinander verbunden werden?

Das ist eine positive Entwicklung. Ich glaube an eine geschickte Verschmelzung von kombinierten Angeboten. Zum Beispiel sollten öffentliche Funktionen im öffentlichen Raum mit kommerziellen Angeboten vereinbar sein.

Ein Beispiel ist die Deichman-Stovner-Bibliothek in einem Einkaufszentrum eines Vororts von Oslo. Es handelt sich um eine hochgradig kommerzielle Umgebung. Dennoch hat sie eine wichtige soziale Funktion inne im lokalen Zusammenhang. Die täglichen Einkäufe tätigen, in der Bibliothek eine Zeitung lesen und sich mit Freunden auf ein Getränk treffen – hier ist all das unter einem Dach möglich. Nur durch die Verbindung von Öffentlichkeit und Kommerz können wir ein vielfältiges und facettenreiches Umfeld und eine vitalere, lebenswertere Gesellschaft verwirklichen, zu der sich jeder zugehörig fühlen kann.

Es ist an der Zeit, dass wir über den rein finanziellen Ertrag diverser Projekte hinausblicken und auch gesellschaftlichen Mehrwert in Form von sozialer Integrativität und individueller psychischer Wohlfahrt in Betracht ziehen.

Bemerken Sie eine Verlagerung oder Überschneidung von Ersten, Zweiten und Dritten Orten? Kann zum Beispiel der Arbeitsplatz von jemandem – normalerweise ein Zweiter Ort – auch die Rolle eines Dritten Ortes einnehmen?

Auf jeden Fall. Zum Beispiel bat uns unser Kunde „Gebäudewirtschaft der Stadt Köln“ darum, ihm dabei zu helfen, seine Büroflächen zu überdenken, um die allgemeine Wertschätzung der Arbeitsumgebung zu verbessern. Da sich die Mitarbeiter an ihrem Arbeitsplatz nicht mehr wohl fühlten, wurden wir gebeten, die individuellen Arbeitsbedingungen zu verbessern und eine glücklichere, gesündere Arbeitsumgebung zu schaffen. 

Wir werden die Ausgangssituation u.a. dadurch verbessern, dass wir das Gebäude mit allgemein zugänglichen sozialen Flächen, einer Art „internem Dritten Ort“ auflockern. Vorausgegangen waren intensive Untersuchungen zu den von den Teammitgliedern gemeldeten Beeinträchtigungen und Einschränkungen im Zusammenhang mit den Räumlichkeiten.

In den #aatvoslibraries wird funktionales Design häufig mit maßgeschneiderten Möbeln, Vintage-Artikeln und ausgefallenen Designelementen kombiniert. Was ist die Philosophie hinter dieser Design-Handschrift?

Bevor ich näher auf unsere spezifische Design-Handschrift eingehe, möchte ich klarstellen, dass wir das Interior Design öffentlicher Räume als Urban Design in einer anderen Größenordnung betrachten. Kevin Lynch , ein amerikanischer Stadtplaner und Autor, beschrieb in seinem Buch „Das Bild der Stadt“ (1965), dass sowohl gewöhnliche Elemente als auch sogenannte „Landmarks” („identifizierbare Objekte, die als externe Bezugspunkte dienen“ ) Schlüsselbestandteile bei der Erstellung mentaler Lagepläne von intuitiv nachvollziehbaren – und somit sicheren – Umgebungen sind.

Das ist die Philosophie hinter unserer Fokussierung auf eine klassische, nahezu berechenbare Atmosphäre auf der einen Seite und der Kombination mit „Landmarks“ und ausgefallenen Design-elementen auf der anderen Seite.

Wie kommen Sie auf die Ideen für diese ausgefallenen Elemente?

Um die Ideen für diese Elemente zu finden, befassen sich mein Team und ich eingehend mit der Gemeinschaft, für die wir arbeiten. Für uns bedeutet die Arbeit am öffentlichen Raum, Orte für Menschen zu schaffen, die nicht wir sind, an Orten, die nicht die unseren sind – sondern die für die jeweilige Öffentlichkeit und ihre spezifische Nachbarschaft bestimmt sind.

Mit den Besuchern dieser Orte zu sprechen und mit ihnen zu arbeiten ist nicht nur zentral wichtig, sondern unumgänglich. Wir nutzen Methoden wie Design Thinking in Zusammenarbeit mit Experten wie der deutschen Design-Thinking-Spezialistin und Dozentin Julia Bergmann, um lokale Bedürfnisse und Notwendigkeiten sowie ortstypische Assoziationen und Faszinationen zu ergründen.

Sehr oft stoßen wir dabei auf unerwartete Geschichten, kulturelles Erbe oder soziokulturelle Elemente, die für den lokalen Kontext oder sogar für spezifische Nutzergruppen von großer Bedeutung sind. Diese lokalen Bezugspunkte nutzen wir, um für jedes Projekt maßgeschneiderte Blickfänge zu kreieren. Zusammen mit den eher „vorhersehbaren“, gewöhnlichen Umgebungselementen schaffen sie vertraute Orte mit individuellem Charakter, die zu einer echten Hausnummer in der Wahrnehmung der lokalen Bevölkerung werden.

Dank Elementen wie umgebauten Tauchkammern, Raumschiffen, maßgefertigten Bergbauaufzügen und dem gelegentlichen Riesen-Kuschelkaninchen werden die von uns geschaffenen Orte unverwechselbar und einzigartig.

Was hat sich seit der Veröffentlichung Ihres Buches 3RD4ALL in 2017 verändert?

Zunächst einmal ist die Gestaltung Dritter Orte zu einem hochaktuellen gesellschaftlichen Thema geworden. Das wachsende Bewusstsein um ihre Notwendigkeit macht es leichter, das Thema auf die öffentliche Agenda zu setzen als zuvor.

Zweitens wurde ich international als Experte für „Dritte Orte“ anerkannt und begann öffentlich Reden zu diesem Thema zu halten. Gleichzeitig fanden immer mehr Kunden den Weg zu meinem Unternehmen, was mir eine entsprechende Expansion ermöglichte.

Heute arbeite ich mit einem inspirierenden, multidisziplinären Team zusammen, das Erfahrungen in Architektur, Marketing, Wirtschaft, Soziologie, Psychologie und Kommunikation vereint, um eine Vielzahl unterschiedlicher Kunden – darunter Regierungsorganisationen, Gemeinden, Bibliotheken, Theater, Universitäten und Gesundheitsorganisationen – zu betreuen.

Bei unserer Arbeit geht es nicht nur um kreative Arbeit, sondern vor allem darum, Wissen zu teilen und weiterzugeben, um zur Entwicklung Dritter Orte beizutragen.

Aat Vos Aat Vos Creative Guide

Was sich darüber hinaus geändert hat, sind natürlich die Erkenntnisse, die wir dank 3RD4ALL gewonnen haben. In dem Buch waren fünf Säulen eines relevanten öffentlichen Raums vorherrschend: Menschen, Raum, Erlebnis, Produkt und Zukunft. Indem wir die Theorie des Buches in unseren Projekten in die Praxis umgesetzt haben, wurden diese Säulen zu den “Schmetterlingsprinzipien des programmatischen Designs” („Butterfly Principles of Design for Programmability“) weiterentwickelt. Dieses Modell in der Form eines Schmetterlings zeigt deutlich, dass jedes Projekt sowohl eine immaterielle als auch eine materielle Seite besitzt. Die Schmetterlingsprinzipien lassen sich am besten anhand von 10 Fragen beschreiben und bieten ein einfaches Instrumentarium zur Bestimmung der Bestandteile, die lebendige öffentliche Orte ausmachen.

Was geschieht nach der Neugestaltung von Bibliotheken und ihrer Umwandlung in Dritte Orte?

Nach der Neugestaltung einer Reihe von Bibliotheken in Norwegen, Deutschland und den Niederlanden haben wir uns gefragt: Spielen Bibliotheken in der modernen Gesellschaft mittlerweile eine eher soziale Rolle?

Im Frühjahr 2019 haben wir uns an 20 Bibliotheken gewandt, mit denen wir innerhalb der letzten drei Jahren zusammengearbeitet hatten. Bei diesen Projekten handelte es sich um große materielle Veränderungen und entweder um Umbauten, Renovierungen oder Umgestaltungen bestehender Bibliotheken. Wir schickten ihnen jeweils einen Fragebogen zu, in dem wir sie danach befragten, ob sich die Anzahl der (zufälligen) Besucher und der Grad an Beteiligung der derzeitigen Besucher am Bibliotheksgeschehen geändert hätten. Die Ergebnisse des Fragebogens deuteten auf einen sehr positiven Trend hin.

Können Sie einige Beispiele nennen?

Nach der Eröffnung verzeichneten 73% der Befragten einen Zuwachs an Besuchern, die ausschließlich kamen, um Zeit in der Einrichtung zu verbingen. Es stellte sich außerdem heraus, dass die Menschen beim Besuch der Bibliothek sich stärker vermischen. Unsere vorläufige Schlussfolgerung aus dieser laufenden Untersuchung ist, dass Bibliotheken, die sich von einem reinen Kulturinstitut zu einem einladenderen Dritten Ort gewandelt haben, elementarere menschliche Bedürfnisse bedienen und so eine neue Schlüsselrolle in der modernen Gesellschaft einnehmen. Da sie sowohl ein physischer als auch ein sozialer Ort sind, sprechen sie alle Ebenen von Abraham Maslows allseits bekannter Bedürfnishierarchie an – sie ermöglichen es den Menschen nicht nur, sich selbst zu verwirklichen und Anerkennung zu erfahren, sondern vermitteln ihnen darüber hinaus ein Gefühl der Zugehörigkeit

Was ist der wichtigste Faktor im Hinblick auf das langfristige Verhältnis zwischen einem Dritten Ort und seinen Besuchern?

Mitverantwortung und Anpassbarkeit, ohne Zweifel. Menschen sollten die Möglichkeit haben, sich einen Ort zu eigen zu machen, und dieser Ort sollte in der Lage sein, sich an die sich ständig ändernden Bedürfnisse seiner Nutzer anzupassen.

Die Kunden von aatvos sind über viele europäische Länder verstreut, alle mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund. Haben Sie grundlegend unterschiedliche Perspektiven im Hinblick auf das Design öffentlicher Räume wahrgenommen?

Wir haben Unterschiede wahrgenommen, aber keine Schwierigkeiten erlebt.

Wir reisen viel, um unsere Kunden zu besuchen und bemerken sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede in unseren Projekten. Das allein ist schon sehr bereichernd. Es hilft uns, unsere Methoden zu verbessern.

Eines der Instrumente, die wir einsetzen, um lokale Präferenzen zu verstehen, ist zum Beispiel unser Kartenspiel-Set, bei dem eine repräsentative Gruppe von Endnutzern gebeten wird, aus einer Auswahl von hundert Karten ihre jeweilige Präferenz auszuwählen. Eine Beispielkategorie ist „Look & Feel“. Wir stellten fest, dass die sich daraus ergebenden Präferenzen in Nordnorwegen anders waren als in Süddeutschland. Deshalb entwickelten wir ein zugrundeliegendes Matrixmodell, das uns dabei half, diese Vielfalt an Geschmäckern und Bedürfnissen besser zu verstehen.

Also ja – es gibt diesbezüglich Variationen aufgrund einzigartiger kultureller Hintergründe, der lokalen Historie oder sogar des Klimas. Aber es gibt eben auch viele Gemeinsamkeiten – interessanterweise vor allem im Hinblick auf die räumlichen Bedürfnisse.

Je internationaler wir arbeiten, desto mehr verstehen wir, dass die Notwendigkeit bestimmter Merkmalschemata universell ist – während die letzte Ebene – das konkrete Design, wenn Sie so wollen – eher die jeweiligen lokalen Unterschiede hervorhebt.

Das aatvos-Team hat kürzlich seine erste Veranstaltungsreihe digitaler Workshops vorgestellt. Wie ist das gelaufen?

Wir begannen Anfang 2020 aufgrund einer Anfrage aus Australien mit der Entwicklung von Fernworkshops. Das war einige Wochen, bevor unser aller Leben durch den Coronavirus-Ausbruch verändert wurde. Inmitten dieser unerfreulichen globalen Situation hatten wir großes Glück mit dem Timing für die Entwicklung dieser interaktiven digitalen Sitzungen. Genau wie in unseren physischen Workshop-Wochen verwenden wir Hilfsmittel wie Kartenspiele und Umfragen, nun jedoch über Bildschirme.

Vor kurzem hielten wir eine fruchtbare Fern-Workshop-Woche (5-tägig) mit einem Kunden aus Ramallah, Palästina, ab. Trotz des Erfolges unserer Fernworkshops können diese jedoch nicht mit der Realität mithalten.

Zu unseren bevorzugten Interaktionen gehören die persönliche Begegnung mit dem Projektteam, der Besuch vor Ort, der lokale Bezug und die Inspiration, die wir vor Ort gewinnen.

Öffentliche Räume, wie z.B. Bibliotheken, stehen derzeit aufgrund neuer Gesundheitsvorschriften unter großem Druck. Wie sehen Sie die zukünftige Entwicklung des öffentlichen Raums?

Diese Entwicklung wirft für alle Beteiligten, von Bibliothekaren, Besuchern und Regie-rungsorganisationen bis hin zu anderen Interessengruppen, wichtige Fragen auf.

Es stellen sich Fragen wie: Wie können wir weiterhin einen niederschwelligen Zugang zu öffentlichen Räumen garantieren oder wie können wir die öffentliche Programmgestaltung stimulieren? Die derzeit dringendste Frage ist jedoch: Müssen wir das Innere und Äußere unserer Projekte im Hinblick auf die zukünftige Gewährleistung sicherer Rahmenbedingungen in den jeweiligen öffentlichen Räumen anpassen?

Die Einhaltung von Vorschriften bei gleichzeitigem Überdenken des räumlichen Kontexts ist hier der entscheidende Punkt.

Beispiele dafür sind das Hinzufügen zusätzlicher Außenbereiche wie ein Freiluftspielplatz oder eine überdachte Caféterrasse mit reichlich Sitzgelegenheiten. Wir müssen aber auch dem einzelnen Besucher sichere Bereiche zur Verfügung stellen. Dies kann über die Inneneinrichtung geschehen, mit einem Tisch pro Person, Sitzkokons für eine Person, individuellen Studienbereichen usw.

Wir stehen erst ganz am Anfang eines Lernprozesses über die unterschiedlichen Nutzungsformen des öffentlichen Raums. Wir müssen darüber hinaus den städtischen Raum, an den unsere Projekte angrenzen, näher erforschen und untersuchen. Vielleicht noch wichtiger ist, dass lokale Gemeinschaften ermutigt werden sollten, wieder institutionelle Funktionen zu übernehmen, z.B. durch Strategien wie das Asset-Based Community Development.

Die Menschen sollten in die Lage versetzt werden, sich die vielen ungenutzten öffentlichen Flächen in städtischen Umgebungen, wie z.B. Dächer, Flächen unter Brücken, Gebäude-Lobbys oder öffentlichen Raum in Wohngebäuden, zu eigen zu machen

Die Planer des öffentlichen Raums müssen ihre Lehren aus der Coronavirus-Episode ziehen und über die Konsequenzen der Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen für die soziale Interaktion, und ja, auch für die Gestaltung Dritter Orte, nachdenken. Obwohl der Ansatz in einigen Ländern, wie Norwegen und Schweden, sich vom Ansatz anderer Länder tark unterscheidet, ist mir in den letzten Monaten eines klar geworden, nämlich die universelle Unverzichtbarkeit des öffentlichen Raums.

Fortsetzung folgt!

PERLEN DES ÖFFENTLICHEN RAUMS:

Acht außergewöhnliche Orte zur (Wieder-) Entdeckung des öffentlichen Raums

  1. Dritte Orte unter Brücken, wie zum Beispiel in Tokio (Japan) zwischen dem Bahnhof Musashisakai und dem Bahnhof Higashikoganei, oder The Bentway in Toronto (Kanada)
  2. Öffentliche Dachflächen, wie das Dach des NEMO Science Museum in Amsterdam (Niederlande), die Rooftop Farms von Brooklyn Grange in New York (USA) oder der Luchtpark Hofbogen in Rotterdam (Niederlande).
  3. Bibliotheken mit einer neu definierten Einrichtungstypologie, wie Deichman Bjørvika, LocHal in Tilburg (Niederlande) oder dem Storyhouse in Chester (England)
  4. Öffentliche Skate- und Sportzonen, wie der Southbank Skatespace (England) oder die Urban Sport Zone in Amsterdam (Niederlande).
  5. Märkte zum Austausch und Knüpfen von Kontakten, wie Brixton Village in London (England) oder Nachtmärkte in Asien.
  6. Private Initiativen zur Förderung sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen, wie die Bücherpiraten und die Krefelder Freischwimmer.
  7. Nichtstaatliche Initiativen zur Förderung sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen, wie das Deutsch-Französische Kulturinstitut Ramallah.
  8. Öffentliche Badeanstalten, wie das Flussbad in Berlin, die Tainan-Quelle oder der öffentliche Brunnen auf dem Eberplatz in Köln.

Fotografie: Marco Heyda